In den letzten Jahren häufen sich die Funde ortsfremder Tier- und Pflanzenarten in und an unseren Gewässern und Küsten. Wenn sich diese Neozoen dauerhaft in den vorhandenen Biotopen (Lebensräumen) ansiedeln, kann das mit starken Veränderungen dieser Lebensräume verbunden sein. Das empfindliche ökologische Gleichgewicht kann in der Art verändert werden, dass sich völlig neue Artengemeinschaften ausbilden. Eingeschleppte Arten können weiterhin große ökonomische Schäden verursachen, was sich von der Beeinträchtigung baulicher Strukturen (z. B. Schäden in Deichen durch die Wollhandkrabbe) bis hin zur Vernichtung von genutzten natürlichen Ressourcen (Fisch-, Krebs- und Muschelbestände) erstreckt. Ein uns allen bekanntes Beispiel ist die fast vollständige Vernichtung der Edel- und Steinkrebsbestände in Europa und die Einnieschung des Kamberkrebses (Amerikanischer Flusskrebs, Orconectes limosus) in den Lebensraum der Edelkrebse. Mit der Einführung des Kamberkrebses gelangten Erreger der Krebspest (Aphanomyces astaci) in unsere Gewässer. Der Kamberkrebs und andere Krebsarten, wie der Signalkrebs (Pacifastacus leniusculus) und der Amerikanische Sumpfkrebs (Procambarus clarcii), haben im Verlaufe ihrer Entwicklungsgeschichte ein Abwehr-Gleichgewicht gegen diesen Erreger entwickelt, das den einheimischen Edelkrebsen fehlt. Es kann deshalb in Gewässern, in denen z. B. Kamberkrebse leben, nie ein Edel- oder Steinkrebs wieder angesiedelt werden, da die Kamberkrebse den Erreger immer mit sich tragen.
Auf welchem Wege nun gelangen Neozoen in und an unsere Gewässer? Dies geschieht einerseits, wie im Falle des Kamberkrebses, der Regenbogenforelle oder den Sonnenbarschen, durch ein bewusstes Verbringen und Einsetzen in die Gewässer. Arten, von denen man sich aus verschiedenen Gründen einen Vorteil erhoffte, wurden im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in großer Anzahl importiert und in die Gewässer eingebracht. Einige dieser Arten, wie z. B. die Regenbogenforelle oder der Kamberkrebs, haben sich ihre Lebensräume gesichert und zeichnen sich durch selbst reproduzierende Bestände aus. Darüber hinaus können Neozoen durch bewusstes Aussetzen aus falsch verstandener Tierliebe sowie durch versehentliches Freisetzen z. B. aus Aquakulturbetrieben und/oder aus Aquarien in die Gewässer gelangen.
Die Mehrzahl der Neozoen wird jedoch als „blinder Passagier“ im Ballastwasser oder als Aufwuchs (Biofouling) auf dem Unterwasserschiff in unsere Gewässer verbracht. So nimmt man auch für die Wollhandkrabbe, die sich in periodischen Abständen stark vermehrt und der Wasserwirtschaft und der Fischerei große Schäden zufügt, an, dass sie im Ballastwasser von Schiffen an die Nordseeküste gelangte.
Weltweit fahren ca. 40000 Schiffe im interkontinentalen Verkehr. Diese seegängigen Schiffe müssen, um ökonomisch zu fahren und auch für die Trimmung der Schiffe, Ballastwasser an Bord nehmen. Auf diese Weise wird vom Plankton über Krankheitserreger bis zu Fischen und Pflanzen eine Vielzahl neuer Arten in andere Länder oder Kontinente befördert. Die neuen Lebensbedingungen und die Kondition der verschleppten Arten entscheiden dann darüber, ob sich diese Arten in den neuen Lebensräumen/Biotopen ansiedeln können. Dramatische Beispiele sind z. B. die Verschleppung der Dreikantmuschel (Dreissena polymorpha) nach Nordamerika und die Verschiffung des parasitischen Copepoden Caligus flexispina (Lachslaus) von Japan nach Chile. Die Dreikantmuschel wurde 1986 von Europa in die Großen Seen nach Nordamerika eingeschleppt. Seegängige Schiffe fahren bis in die Großen Seen hinauf. Die Larven der Dreikantmuscheln wurden so direkt in das Süßwasser gebracht und fanden dort sofort ideale Lebensbedingungen vor. Die Dreikantmuschel breitete sich in Nordamerika rasend schnell aus. Die Folge sind ökologische und ökonomische Schäden, welche auf mehr als 5 Mrd. US$ geschätzt werden. Die einheimischen Süßwassermuschel (Anodonta)-Bestände, die vordem kommerziell genutzt wurden, sind durch die auf ihnen wachsenden Dreikantmuscheln dramatisch geschädigt und mussten unter Schutz gestellt werden. Ein weiteres Beispiel ist die Einschleppung der Lachslaus von Japan nach Chile. Der Parasit wurde 1998 mit Holzschiffen von Japan nach Chile verbracht und führte in den chilenischen Lachsfarmen zu massiven Befallsraten und Verlusten von 15000 t Lachsen im Zeitraum von November 1998 bis April 1999.
Bei den Fischen wurden insgesamt 134 standortfremde Arten aus 34 Familien in 29 europäische Länder transferiert. Dazu zählen auch solche Arten wie der Blaubandbärbling, der Sonnen- und Forellenbarsch, der Bachsaibling, der Stichling, der Katzenwels, Gras-, Silber- und Marmorkarpfen sowie die Regenbogenforelle. Manche dieser Arten bildeten sich selbst reproduzierende Bestände aus, während andere nur von lokaler Bedeutung sind oder sich auch nur durch gezielten Besatz erhalten können. Die Regenbogenforelle, welche vor Jahrzehnten nur durch Besatz aufrecht erhalten werden konnte, reproduziert sich heute äußerst erfolgreich. Sie stellt in den Salmonidengewässern häufig ein Drittel des Gesamtbestandes bis hin zur Dominanz, wodurch unvermeidlich andere Arten infolge Habitat- und Nahrungskonkurrenz zurückgedrängt werden. Andererseits ist sie in Habitaten lebensfähig, die der Mensch für die Bachforelle verdorben hat. Die Regenbogenforelle ist ein typisches Beispiel für die Langfristigkeit der möglichen Folgen, die durch das Ausbringen von Exoten entstehen. Glücklicherweise ist in Europa, soweit bekannt, noch keine heimische Art infolge Verdrängung durch eingeführte Arten ausgestorben. Es sollte zum Schutze der einheimischen Fischarten jedoch sehr sorgfältig bedacht werden, welche Arten in ein Gewässer eingebracht oder auch entnommen werden. Entstandene Schäden sind oftmals nur mit großem Aufwand, wenn überhaupt, zu reparieren.
In diesem Sinne, Petri Heil!
Dr. Thomas Meinelt, Referent für Umwelt und Gewässer des DAV und Dr. Stephan Sieg Landesverband Sachsen
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