Ilz, die Flusslandschaft der Jahre 2002/2003

Prof. Dr. Werner Steffens, Berlin, März 2002

Auf Vorschlag des paritätischen Fachbeirates Gewässerökologie des Deutschen Anglerverbandes und der NaturFreunde Deutschlands wurde mit der sächsischen Gottleuba erstmals in der Bundesrepublik Deutschland die Flusslandschaft des Jahres 2000 ausgerufen. Im Rahmen dieses Vorhabens, das Bundesumweltminister Trittin seinerzeit nachdrücklich begrüßte, wurde die Öffentlichkeit durch vielfältige Aktivitäten in den Jahren 2000 und 2001 auf die große ökologische und sozio-ökonomische Bedeutung der Fließgewässer in unserer Kulturlandschaft und die Notwendigkeit ihres Schutzes und ihrer Pflege, nicht zuletzt auch im Interesse ihrer fischereilichen Nutzung, hingewiesen. Die Gottleuba entspringt mit zwei Quellbächen in der Tschechischen Republik und fließt dann durch das Erzgebirge und das Elbsandsteingebirge, bis sie nach etwa 40 km Lauf in die Elbe mündet. Dank umfangreicher Initiativen, unter anderem durch Bachpatenschaften und Besatzmaßnahmen, ist die Gottleuba für die Mitglieder des Anglerverbands "Elbflorenz" ein geschätztes Fischereirevier.

Zum Tag des Wassers am 22. März 2002 erfolgte nun in einem offiziellen Festakt in der liebevoll ausgestalteten und voll besetzten Mehrzweckhalle der Stadt Grafenau die feierliche Proklamation der Ilz zur Flusslandschaft der Jahre 2002/2003. Das Bundesumweltministerium hat den Stellenwert dieser Initiative durch den Eintrag in die "Liste der offiziellen Jahresverkündigungen umweltpolitisch relevanter Aktionen des Jahres 2002" unterstrichen.

Zu Beginn der Veranstaltung konnte der Leiter des Wasserwirtschaftsamtes Passau, Baudirektor Gerhard Wetzstein, mehrere Hundert Anwesende und vor allem zahlreiche Ehrengäste begrüßen. Sein besonderer Gruß galt dem Bayerischen Staatsminister für Landesentwicklung und Umweltfragen, Dr. Werner Schnappauf, mehreren Mitgliedern des Bayerischen Landtages, Mitgliedern des Bezirkstages sowie dem Vizepräsidenten der Regierung von Niederbayern, Landräten und Bürgermeistern der Region, den Vertretern des Deutschen Anglerverbandes und der NaturFreunde Deutschlands, vielen Repräsentanten von Behörden, Verbänden und Vereinen, unter ihnen der Leiter des Nationalparkamtes, und einer großen Zahl von Medienvertretern aus ganz Deutschland.

Anschließend wandte sich der Bürgermeister von Grafenau, Helmut Peter, mit einem herzlichen Willkommensgruß an die Gäste und gab seiner Freude Ausdruck, dass die Stadt als Ort für diesen Festakt ausgewählt wurde.

Der Bayerische Staatsminister für Landesentwicklung und Umweltfragen, Dr. Werner Schnappauf, ging in seiner Festansprache zunächst auf den Weltwassertag ein, der vor 10 Jahren 1992 erstmals von der UNO proklamiert wurde. Er wies auf das diesbezügliche Motto des Jahres 2002 "Wasser und Entwicklung" hin und betonte, dass Wasser einer der zentralen Schlüssel zur nachhaltigen Entwicklung im 21. Jahrhundert ist. Damit konnte er auch den Bogen zu "Rio + 10", dem Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung in Johannesburg im August/September 2002 spannen, der zum weiteren globalen Umweltschutz beitragen soll und muss. Schließlich konnte in diesem Zusammenhang auch darauf hingewiesen werden, dass das Jahr 2002 zum "Internationalen Jahr des Ökotourismus" erklärt wurde.

Die Ilz wird vielfach die "Schwarze Perle Niederbayerns" genannt, da ihr Wasser eine dunkle Färbung durch Huminstoffe aus Hochmooren und Fichtenwäldern erhält. Sie entsteht durch die Vereinigung mehrerer Quellbäche (Mitternacher Ohe, Große Ohe, Kleine Ohe, Wolfsteiner Ohe, Osterbach) in den Kammlagen des Bayerischen Waldes (1370 m ü. NN) an der Grenze zur Tschechischen Republik und umfasst ein Einzugsgebiet von 850 km2. Ab dem Zusammenfluss von Mitternacher, Großer und Kleiner Ohe trägt das Gewässer den Namen Ilz. Der Fluss überwindet auf einer Fließlänge von 65 km einen Höhenunterschied von etwa 1100 m und mündet in der Dreiflüssestadt Passau (290 m ü. NN) gegenüber dem Inn in die Donau. Die minimale Wasserführung der Ilz beträgt 0,8 m3/s. Der Mündungsabfluss des Flusses führt ein mittleres Niedrigwasser von 5 m3/s und ein Mittelwasser von 18 m3/s. Das mittlere Hochwasser beträgt 170 m3/s. In der Nähe von Hals bildet die Ilz eindrucksvolle Mäander. Hier wurde 1829 ein 130 m langer Triftstollen erbaut, um das Flößen von Holz zu erleichtern.

Die Forstwirtschaft war in früheren Zeiten ein wichtiger Erwerbszweig im Bayerischen Wald. Die Holztrift begann im 18. Jahrhundert in großem Stil und endete erst um 1920. Über die Ilz und ihre Zuläufe konnten große Langholzmengen zur Donau transportiert werden. Zunächst handelte es sich hauptsächlich um Brennholz, später auch um Bau- und Nutzholz. Wegen des zeitweise geringen Wasserstandes wurde das Wasser an manchen Stellen durch Triftsperren aufgestaut und das am Ufer aufgeschichtete Holz dann mit dem gestauten Wasser weggespült.

Aufgrund der vorherrschenden geologischen Verhältnisse (Gneis-Glimmer-Gestein und Granit) führt die Ilz kalkarmes, weiches Wasser. Während in den oberen Bereichen außer Quellmoos (Fontinalis antipyretica) kaum Wasserpflanzen vorhanden sind, finden sich im Unterlauf Wasserstern (Callitriche spec.), Flutender Hahnenfuß (Ranunculus fluitans), Wasserhahnenfuß (Ranunculus aquatilis) und Tausendblatt (Myriophyllum spec.) in größerer Verbreitung.

Auch heute noch kommt die Flussperlmuschel (Margaritana margaritifera) in der Ilz vor. Früher bildete die Perlengewinnung hier einen blühenden Erwerbszweig. Sie wurde sehr überlegt und vorsichtig vorgenommen, um die Muschelbestände nicht zu schädigen.

Fischereilich gehört die Ilz im Oberlauf zur Forellenregion und im Mittellauf zur Äschenregion. Neben den Populationen von Bachforellen (Salmo trutta fario) und Äschen (Thymallus thymallus) haben sich auch vom Bachsaibling (Salvelinus fontinalis) Bestände in der Ilz entwickelt, die nicht mehr auf Besatz angewiesen sind. Erfreulicherweise gibt es in der Ilz noch den Huchen (Hucho hucho); zum Laichen ziehen die Fische im Frühjahr in die Mitternacher Ohe. Weitere erwähnenswerte Fischarten sind Koppe (Cottus gobio), Laube (Alburnus alburnus), Gründling (Gobio gobio), Nase (Chondrostoma nasus), Barbe (Barbus barbus) und Quappe (Lota lota).

Staatsminister Dr. Schnappauf charakterisierte die Ilz als faszinierendes Kleinod von traumhafter Schönheit im Bayerischen Wald und als einen der letzten intakten Wildflüsse Deutschlands mit einer überwältigenden Biodiversität. Dieser Fluss ist, so führte er aus, ein europäisches Schöpfungsjuwel und -refugium, auf das Ostbayern stolz sein kann.


Fünf Leitsätze

bestimmen seit Jahren die Aktivitäten an der Ilz und erfahren nun Anerkennung und Unterstützung:


Das Ilzwasser soll wieder Badequalität erreichen;
Auch im Unterlauf soll die Ilz Gewässergüteklasse I-II aufweisen;
Das Gewässersystem der Ilz soll wieder für alle Lebewesen durchgängig sein;
Die Ilz soll als Lebensraum für bedrohte Tierarten, wie z. B. Flussperlmuschel, Flusskrebs und Huchen, erhalten bleiben,
Die Ilzregion soll als Lebens- und Erholungsraum für den Menschen aufgewertet werden.

Mit großer Freude gratulierte der Staatsminister allen Beteiligten, dass nach der sächsischen Gottleuba bei der zweiten Vergabe des Titels "Flusslandschaft des Jahres" die Ilz durch den Deutschen Anglerverband (DAV) und die NaturFreunde Deutschlands (NFD) ausgewählt wurde, weil hier herausragende landschaftliche Schönheit und großes naturschützerisches Engagement zum Erhalt und zur Verbesserung des Gewässerlebensraumes zusammenfallen. Diese Flusslandschaft kann mit Recht als Leitbild für nachhaltige Entwicklung betrachtet werden. Ökonomie, Ökologie, soziale Verantwortung und kulturelle Identität befinden sich in einem ausgeglichenen Verhältnis, Wirtschaft und Umwelt stellen keinen Gegensatz dar. Gerade für ländliche Räume ist es außerordentlich wichtig, dass eine enge Verbindung von attraktiven Arbeitsplätzen und intakter Umwelt vorhanden ist.

Im Ergebnis aller durchgeführten Maßnahmen hat sich die Gewässergüte der Ilz in den letzten Jahren beträchtlich verbessert. Die Quellbäche weisen Gewässergüte I auf. Die Oberläufe haben die Gewässergüteklasse I-II, der Unterlauf die Güteklasse II. In einer wissenschaftlichen Studie wird derzeit geprüft, wann Baden in der Ilz wieder möglich ist.

Große Bedeutung hat an der Ilz das freiwillige Engagement vieler Bürgerinnen und Bürger in unterschiedlichen Arbeitskreisen. Dem tragen auch drei Bachpatenschaften Rechnung, die im Anschluss an die Ansprache überreicht wurden.
Bei den Bachpatenschaften handelt es sich um eine ehrenamtliche, aktive Mitarbeit bei der Pflege und Entwicklung der Gewässer und ihrer Uferbereiche. Bachpaten können alle interessierten Bürger, Vereine, Schulen und Schulklassen werden, die gewillt und in der Lage sind, über einen längeren Zeitraum bei der Pflege eines Gewässers ehrenamtlich mitzuwirken. Grundsätzlich sollen die Bachpaten selbst entscheiden, welche Schwerpunkte sie für ihre Betreuungsarbeit setzen und mit welcher Intensität sie die Aufgabe betreiben. Mögliche Aktivitäten einer Bachpatenschaft sind z. B. das regelmäßige Beobachten und Bewerten des Gewässerzustandes einschließlich der Tier- und Pflanzenwelt, die Weitergabe von Informationen an die Unterhaltspflichtigen und die Aufsichtsbehörden, Mitarbeit bei Unterhaltungs- und Pflegemaßnahmen (Reinigungsaktionen) sowie die Öffentlichkeitsarbeit zur Aufklärung der Mitbürger über den ökologischen und sozio-kulturellen Wert eines Gewässers. Besonders begrüßenswert ist die Einbeziehung von Kindern und Jugendlichen in derartige Aktivitäten, sind diese Altersgruppen doch häufig sehr begeisterungsfähig für solche Aufgaben. Das zeigte sich deutlich auch bei der Proklamation der Ilz in Grafenau. Bachpatenschaften bieten sich aber ebenfalls für Angelvereine an.
Grundsätzlich muss die Zielstellung sein, durch zielgerichtete Aktivitäten für eine sinnvolle Vorsorge von der Reparatur wegzukommen. Schäden an Natur und Umwelt sollten künftig von vornherein vermieden werden.

Mit großem Nachdruck setzte sich Staatsminister Dr. Schnappauf für naturverträglichen Tourismus ein, weil dieser Ausgangspunkt für mehr Umweltbewusstsein ist. In diesem Sinne ist die Ilz nicht nur Natur- und Lebensraum, sondern auch Erholungsraum für den Menschen. Sanfter Tourismus in Schutzgebieten ist kein Widerspruch.
Wörtlich führte er aus: "Nur Natur, die wir erleben können, lernen wir auch schätzen und schützen". Es darf kein Käseglocken-Denken geben, die Menschen dürfen nicht ausgesperrt werden, sondern müssen Zutritt zur Natur und ihrer Nutzung haben. Naturverträgliche Lösungen für die Nutzung der Kulturlandschaft sind am runden Tisch zu erarbeiten und stellen eine Chance für die regionale Entwicklung strukturschwacher Gebiete dar.

Mit der offiziellen Proklamation der Ilz als "Flusslandschaft der Jahre 2002/2003" und dem Dank an alle, die durch ihre Aktivitäten Beiträge zum Erhalt einer lebens- und liebenswerten Umwelt geleistet haben, verband Staatsminister Dr. Schnappauf die Bitte, im Rahmen der Aktion "Wasser schenken" durch eine Spende Wasserprojekte in der Dritten Welt zu unterstützen.


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