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OEKO_008

Blei und Angelgewässer

Immer wieder gehen Meldungen durch die Medien, wonach Blei die Gewässer, Fische und sonstigen Wasserorganismen "vergiften". Kürzlich gab es erneut eine Studie dazu: "Study on advantages and drawbacks of restricting the marketing and use of lead in ammunition, fishing sinkers and candle wicks."

Als Fischpathologe/Fischtoxikologe möchte ich hier kurz meine Meinung äußern, mich jedoch auf Angelgewichte beschränken.

Prinzipiell halte ich das Verbot von Blei-Angelgewichten mit der Begründung einer drohenden toxischen Gefahr für Fische und Wassergeflügel für überzogen. Zu meiner Begründung: Blei ist in den letzten zwei Jahrhunderten als Resultat anthropogener Aktivitäten in großen Mengen in die Umwelt emittiert worden. Insbesondere bleihaltige Antiklopfmittel führten zu einer weltweiten Verbreitung und Anreicherung des Metalls in der Umwelt. Die in den Gewässern vorzufindenden Blei-Konzentrationen sind jedoch nur zu ca. 50 % auf anthropogene Einflüsse zurückzuführen (Rossman, 1988), da je nach Einzugsgebiet die natürliche Verwitterung von Gesteinen zu den Bleigehalten in den Gewässern beitragen. Die Bioverfügbarkeit von Blei in den Gewässern hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab, von denen Wasserhärte, pH-Wert und Zusammensetzung der Schwebstoffe einige entscheidende Faktoren darstellen. Blei-Ionen werden in den Gewässern von einer Vielzahl von Anionen gebunden (Karbonate, Hydroxide, Sulfide, Sulfate). Meist liegt Blei in den Gewässern in ungelöster Form vor (Gunkel, 1989). Auf Grund der geringen Löslichkeit der Bleisalze sind deshalb auch akute Intoxikationen unwahrscheinlich, zumal die Bindungsaffinität von Blei an Feststoffe bzw. an Schlammteilchen wesentlich höher ist als die anderer Schwermetalle (Balikungeri and Haerdi, 1988; Nielsen and Hrudely, 1981). Durch Sedimentierung wird somit ein großer Teil des Bleis aus dem freien Wasser entfernt und ins Sediment verlagert. Blei liegt im Sediment als Bleisulfid (PbS) vor. Eine Remobilisierung des Bleis kann nur durch eine starke Säure erfolgen. Faktoren, die zu einer Remobilisierung von Blei aus den Sedimenten beitragen, sind z. B. eine extreme Versauerung der Gewässer (saure Tagebaurestseen), natürliche oder synthetische Chelatbildner (Detergentien) und Veränderungen der Redoxbedingungen. Von Blei ist ebenfalls bekannt, dass es sich nicht in Nahrungsketten anreichert (fehlende Biomagnifikation; Norton et al., 1990). Unter normalen Bedingungen (neutraler pH-Wert, mittlerer Härtegrad) werden nur äußerst geringe Menge Blei in Lösung gehen. Unter solchen Bedingungen spielen die an Partikel und an das Sediment gebundenen Bleimengen die überaus wichtigere Rolle. Der weitaus größte Anteil des Bleis gelangt über die Atmosphäre in unsere Gewässer. Es ist unbestritten, dass Blei auch über die Fischerei in die Gewässer eingetragen wird. Bleihaltige Angelgewichte und Spinnköder werden nach ihrer Benutzung im allgemeinen wieder aus dem Gewässer entnommen. Da Angelgeräte und Zubehör auch ein Stück Identität des Anglers darstellen, sind die Angler bestrebt, ihr Material wieder mit nach Hause zu nehmen. Verluste verursachen dem Angler Kosten. Bei ungewollten Verlusten können jedoch Bleiformkörper im Gewässer verbleiben. Gelangen die Bleiformkörper in das Sediment, überzieht sich die Oberfläche mit PbS. Dieses PbS ist, wie bereits oben erwähnt, nur durch starke Säuren lösbar und deshalb chemisch inaktiviert. Aus fischtoxikologischer Sicht sind deshalb im Gewässer verbliebene Angelgewichte unbedeutend. Da Angelgewichte im Vergleich zu Schrotkugeln zumeist sehr groß sind, besteht auch kaum die Gefahr, dass die Gewichte als "Magensteine" von Wasservögeln aufgenommen werden. Auch bei den Wasservögeln ist deshalb nicht mit einer Blei-Intoxikation oder Anreicherung von Blei im Gewebe, ausgelöst durch Angelgewichte, zu rechnen. Ich schätze deshalb den Einfluss der Verwendung von Angelgewichten oder Ködern aus Blei auf die Schwermetallbelastung der Gewässer als vernachlässigbar ein.

Dr. Thomas Meinelt
Referent für Umwelt und Gewässer des DAV

Literatur
Balikungeri, A., Haerdi, W. 1988. Complexing abilities of hydrous manganese oxide surfaces and their role in the speciation of heavy metals. Intern. J. Anal. Chem. 34, 215-225.
Gunkel, G. 1989. Erfassung der Schwermetallbelastung von Gewässern über ein biologisches Monitoring-Programm. Vom Wasser 72, 249-265.
Nielsen, J.S., Hrudely, S.E. 1981. Metals in activated sludge: removal and effects. Environ. Eng. Tech. Rep. 80, 2, Dept. of Civil Eng., University of Alberta.
Norton, S.A., Dillon, P.J., Evans, R.D., Mierle, G., Kahl, J.S. 1990. The history of atmospheric deposition of Cd, Hg, and Pb in North America: Evidence from Lake and peat bog sediments. In: Sources, Deposition, and Canopy Interactions. S.E. Lindberg, A.L. Page, S.A. Norton (eds.), Acidic Precipitation, Vol. 3, Springer Verlag, New York, 332 pp.
Rossman, R. 1988. Estimation of trace metal storage in Lake St. Clair post-settlement sediments using composite samples. J. Great Lakes Res. 14, 66.