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Dem Rückgang der Forellen auf der Spur

Seit 1980 sind die Forellenfänge in den Fließgewässern der Schweiz um 60 % zurückgegangen! Auch die Vorkommen der Plötze im Oberrhein und die Nasen-Bestände nahmen in den letzten Jahren beständig ab! Durch diese Horrormeldungen alarmiert, wurde in der Schweiz ein Verbund mit dem Namen "Fischnetz" ins Leben gerufen.

In ihm sind Forscher, Behörden und auch Vertreter der Industrie aktiv, um die Ursachen für das "leise Verschwinden" der Fische zu untersuchen und Maßnahmen zu dessen Behebung zu entwickeln. Die Ergebnisse, zu denen die Eidgenossen kamen, sind so erstaunlich wie vielfältig! "Fischnetz" zeigt, dass keiner der untersuchten Faktoren allein für den Fischrückgang verantwortlich gemacht werden kann. D. h. nicht einzelne Ursachen, sondern das Aufeinandertreffen verschiedener Anlässe führt zum Rückgang der Fischbestände. Weiterhin ist sehr interessant, dass sowohl die Effekte als auch die Ursachen an den verschiedenen Gewässern sehr unterschiedlicher Natur sind.

Eine der Hauptursachen für den Rückgang der Forellenbestände ist die Krankheit PKD (Prolirative Kidney Disease), welche durch einen einzelligen Parasiten hervorgerufen wird. Dieser Parasit verursacht Veränderungen verschiedener Organe und führt zu schweren Nierenentzündungen, verbunden mit einer gesteigerten Anfälligkeit gegen andere Erreger. Es ist bekannt, dass ganze Fischbestände von diesem Parasiten befallen sind, der speziell bei einsömmrigen Forellen zu Totalverlusten führen kann. Zum Ausbruch der Erkrankung sind jedoch folgende Voraussetzungen erforderlich: 1. muss der Wirtsfisch durch schlechte Umweltbedingungen wie Mangelernährung und Umweltgifte vorgeschädigt sein und 2. sind Temperaturen von über 15°C notwendig.

Im Projekt "Fischnetz" fand man, dass die Fische je nach Standort unterschiedlich durch einen Chemikalien-Cocktail geschädigt waren. Dazu zählen u. a. Stickstoffverbindungen aus Klärwerksanlagen wie Ammoniak und Nitrit, Pestizide aus der Landwirtschaft und Stoffe, die als Endocrine Disruptors seit einigen Jahren bekannt sind. Letztere verändern das hormonelle Gleichgewicht der Fische und stören deren Fortpflanzung. Die Schadstoffe können einzeln, in Kombination untereinander oder mit anderen Umweltfaktoren zu Gesundheitseinbußen bei Fischen führen. Die Empfindlichkeit der Forellen für toxische Substanzen steigt zudem bei Sauerstoffmangel oder erhöhten Wassertemperaturen. Und in der Tat ist in den Gewässern in den letzten Jahrzehnten ein Anstieg der Temperaturen um bis 1 °C festzustellen, was den Ausbruch der PKD natürlich begünstigt.

Auch in früheren Zeiten waren die Fische Wassertemperatur-Schwankungen ausgesetzt. Früher jedoch wichen die Fische widrigen Umweltbedingungen aus, indem sie in Gewässerabschnitte mit besseren Lebensbedingungen wanderten und überstanden so erfolgreich Stresssituationen. Wie sieht es aber mit den Forellen heutzutage aus? Heute sind die Flüsse mit Wasserkraftwerken verbaut. Viele Flüsse sind zu geraden und strukturlosen Pissrinnen degradiert, die Auen und Bäche von den Flüssen abgeschnitten. Die Fischjagd ist für Kormorane und Gänsesäger in diesen strukturlosen Gewässerabschnitten besonders leicht. Eine Wanderung in besser strukturierte, kühlere Flussabschnitte ist für die Fische vielerorts unmöglich. Aus diesem Grund sind auch besonders die Forellen in den unteren Flussabschnitten von der PKD betroffen. Ihnen bleibt nur, in den erwärmten, belasteten und degradierten Flussabschnitten auszuharren oder nach schwerer PKD-Erkrankung zu sterben.

Was ist zu tun? Dies fragten auch die Forscher von "Fischnetz" und erstellten einen breit gefächerten Maßnahmenkatalog, welcher die dramatische Situation in den Forellenbeständen ändern soll. In einem sind sich alle einig, Besatz mit Forellen (und in der Schweiz werden jährlich 15 Millionen Stück Forellen besetzt) verbessert die Situation nur kurzfristig, da auch diese Forellen in der geschädigten Umwelt schlechte Chancen haben. Ebenso ist eine direkte Bekämpfung der PKD unmöglich. Aber es ist möglich, mit einer klugen Bewirtschaftung und Besatz aus ausschließlich PKD-freien Beständen die Krankheit einzudämmen. Noch viel größere Bedeutung kommt der Verbesserung der Lebensräume zu. Dazu zählt die Vernetzung der Flüsse mit ihren Seitengewässern, Altarmen und Auen, um Schutz-, Laich- und Rückzugsgebiete zu eröffnen. Dazu zählt weiterhin die Verbesserung der strukturellen Vielfalt der Fließgewässer und die Wiederherstellung des Uferbereichs. Die Belastung der Gewässer mit Schadstoffen muss drastisch verringert werden. Dieses kann z. B. dadurch erreicht werden, dass die Landwirtschaft genügend breite Randstreifen an den Gewässern nicht bewirtschaftet und damit weniger Pestizide in die Gewässer eingetragen werden. Die Klärwerke bedürfen dringend einer Optimierung und ggf. einer Sanierung, um den Chemikalien-Cocktail zu reduzieren. Schließlich und endlich ist es notwendig, mittels weiterer wissenschaftlicher Untersuchungen mehr Wissen über die Zusammenhänge zwischen Mensch-Umwelt-Fisch zu erarbeiten, um so Entscheidungshilfen für die Behörden vorzugeben.

So komplex wie das Problem, so komplex die Fragestellungen und so komplex auch die Antworten. Vieles konnte in "Fischnetz" nicht vollständig beantwortet werden, viele neue Fragen wurden aufgeworfen. Für mich wurde jedoch wiederum eine alte Fischerweisheit neu bestätigt:

Gesunde Fische, gesunde Fischbestände gibt es nur in einer gesunden, intakten Umwelt!

In diesem Sinne

Ihr Referent für Umwelt und Gewässer
Dr. Thomas Meinelt