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Proklamation der Flusslandschaft Nette 2008/09

am 22.03.2008

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Natur- und Angelfreunde, liebe Gäste

Wir haben uns heute zusammengefunden, um erneut eine Flusslandschaft des Jahres zu verkünden und feierlich die Nette für die Jahre 2008/2009 zu proklamieren. Die Nette steht somit in einer würdigen Reihe mit Gottleuba in Sachsen, der Ilz in Bayern, der Havel in Brandenburg und der Schwarza in Thüringen. Im Namen des Präsidenten der Deutschen Anglerverbandes, Bernd Mikulin und des Präsidiums des DAV überbringe ich Ihnen die besten Grüße und Wünsche!

Ich möchte heute hier noch einmal auf die Gründe eingehen, die zur ersten Flusslandschaft des Jahres, zur Gottleuba, führten. Es waren am Anfang die Angler vom DAV, die auf ausgewählte Fließgewässer in Deutschland und deren Probleme hinwiesen. Die Gottleuba als erster ausgewählter Fluss der Flusslandschaften des Jahres war durch mehrere Chemieunfälle praktisch tot. Auf Initiative vieler lokaler Organisationen begann die Revitalisierung der Gottleuba, an der sich von den Schülern anliegender Schulen bis hin zu den Anglern viele Menschen tatkräftig und engagiert beteiligten. Diese Einbeziehung engagierter Menschen zum Wohle unserer Flüsse und das Wachrufen des öffentlichen Interesses für Probleme an unseren Fließgewässern ist eines der wichtigsten Ziele und ein wichtiger Hintergrund der Flusslandschaft des Jahres. Im weiteren zeitlichen Verlauf haben die Angler des DAV die Naturfreunde für die aktive Zusammenarbeit in der Gewässerökologie gewinnen können und somit verkündet der von beiden Organisationen gegründete Gemeinsame Fachbeirat Gewässerökologie aller zwei Jahre eine neue Flusslandschaft, um auf die Schönheit aber auch die Probleme und die potentiellen Entwicklungsmöglichkeiten dieser Landschaft aufmerksam zu machen.

Es stellt sich hier nun die Frage, ist es überhaupt noch nötig, etwas für unsere Fließgewässer zu tun!? Ja, es ist zwingend notwendig!? Dem Großteil unserer Flüsse geht es schlecht. Die Ursachen sind nicht mehr dieselben wie vor 20 oder 30 Jahren. Damals war die Verschmutzung und Vergiftung unserer Flüsse eines der dringendsten Probleme und wir erinnern uns nur allzu gut an die Sandoz-Katastrophe, die einen Großteil des Rheins praktisch abtötete. Heute sind es andere Probleme, wie die Verbauung unserer Flüsse mit Quer- und Längsbauwerken. Wohl wissend, dass nach EU-WRRL ab 2015 eine gute ökologische Qualität unserer Fließgewässer gegeben sein muss, werden weiterhin Flüsse zum Zwecke der Schifffahrt eingedeicht und vertieft, werden weiterhin Querbauwerke und kleine Wasserkraftwerke errichtet oder aufgrund erhöhter Einspeisevergütung revitalisiert, um noch die letzte Kilowattstunde aus den Gewässern herauszupressen. Nun lesen wir heute des Öfteren, dass Umgehungsgerinne an diesem oder jenem Bauwerk in Betrieb genommen wurde und an diesem oder jenem Fluss wieder Lachse oder Meerforellen zu beobachten seien. Sind die Flüsse denn dann nicht wieder durchgängig!? Nein sie sind es nicht und sie sind oft auch keine Flüsse mehr.

Um diese Problematik kurz etwas näher zu erläutern, müssen wir betrachten, was ein Fließgewässer auszeichnet. Dies ist in aller erster Linie, dass das Wasser fließt und nicht steht. Fließendes Wasser hat vielerlei Aufgaben. Es transportiert z. B. Sedimente aller Art, das so genannte Geschiebe. Aus diesem Geschiebe baut sich ein Fluss sein Bett, welches durch tiefe und flache Gewässerabschnitte, durch Kolke und Sandbänke, durch Gleit- und Prallhänge gekennzeichnet ist, Strukturen, die für die Lebewesen im Fluss als Lebensräume und Reproduktionsbereiche notwendig sind. Ist ein Fluss querverbaut, so werden im Staubereich die Sedimente abgelagert, Methan und Kohlendioxid entstehen und entweichen in die Atmosphäre. Unterhalb des Staues gräbt sich der Fluss tief ein und entkoppelt sich vom Umland, insbesondere jedoch von den Flussauen. Er ist damit nicht nur in seiner Längsdurchgängigkeit sondern auch in seiner seitlichen Vernetzung gestört.

Ein weiteres Problem ist folgendes: auch wenn die Aufstiegshilfen funktionieren, was sie beileibe nicht immer tun, so ist der Abstieg von Organismen immer noch nicht gewährleistet. Nehmen wir beispielsweise den Aal. Diese Fischart, die im Übrigen in diesem Jahr in die Rote-Liste der bedrohten Fischarten aufgenommen wird, also diese Aale müssen zurück ins Meer, um sich in der Sargassosee zu reproduzieren. Sie streben zu bestimmten Nachtzeiten mit dem Hauptstrom dem Meere zu und sind dann so „dumm“ über die Turbinen abzuwandern. Sicher überlebt ein Teil der Fische die Passage, aber die Aufeinanderfolge von Dutzenden Turbinen, wie z. B. im Main stellt sicher, dass keiner der Aale seinem Geschlechtstrieb frönen kann. Wie gesagt, der Abstieg der Organismen funktioniert nicht oder noch nicht genügend, abgesehen davon, dass viele Flüsse keine Fließgewässer mehr sind. Es gibt hoffnungsvolle Ansätze aus der Wissenschaft, die Wanderung der Aale mittels Apparaten vorherzusagen. Wenn dann noch die Zusammenarbeit mit den Kraftwerksbetreibern wie z. B. an der Fulda funktioniert und diese für eine bestimmte Zeit die Turbinen ruhen lassen, dann hat auch der bedrohte Aal eine Chance. Leider funktioniert diese Zusammenarbeit noch nicht immer effizient und so erreichen immer noch zu wenige Laichfische die offene See. Auch aus diesem Grunde ist der Aufstieg der Glasaale in unsere Flüsse praktisch zum Erliegen gekommen. Die EU sah sich daraufhin genötigt, ein Programm zur Rettung der Aalbstände aufzulegen, das im Endeffekt jedoch nicht die Verursacher des Problems zur Kasse bitten wird.

Lassen Sie mich an dieser Stelle abschließend wieder auf die Flusslandschaft Nette zurückkommen. Hier an der Nette hat man Probleme schon vor Jahren erkannt, sich zusammengeschlossen und engagiert. Aus diesem Grunde ist dieses schöne Flüsschen trotz aller weiterhin bestehenden Probleme, ein Kleinod, welches es zu erhalten aber auch weiterhin ökologisch zu entwickeln gilt. Ich wünsche allen teilnehmenden Personen, Organisatoren und Veranstaltern im Namen des Präsidiums des Deutschen Anglerverbandes viel Erfolg in den nächsten zwei Jahren der Flusslandschaft Nette sowie auch darüber hinaus. Mögen die Veranstaltungen im Rahmen der Flusslandschaft die Initialzündung für viele Aktionen für die Region im Allgemeinen und für den Fluss im Speziellen werden.

Petri Heil