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Weshalb erreichen Dorsche immer früher die Fortpflanzungsreife?



Am 22. Oktober 2004 wurde in der Berliner Zeitung unter der Rubrik Wissenschaft ein Artikel veröffentlicht, der trotz seiner Vereinfachung der Problematik nachdenklich machen muss. Beschrieben wird einerseits, dass die Dorsch-/Kabeljau-Bestände stark gefährdet sind. Der Dorsch ist der "Kabeljau" der Ostsee. So existiert noch ein Bestand von 46.000 Tonnen Kabeljau in der Nordsee. Für eine zukünftige Sicherung der Bestände wären jedoch mindestens 150.000 Tonnen notwendig. Nun, dies haben wir schon des Öfteren gehört und wir wissen, dass es vielfältige Gründe dafür gibt. Viele Meeresfischbestände sind gnadenlos überfischt. Einige Petrijünger haben auch schon den eigenen Anteil an der Misere erkannt und eine Gemeinschaft zur Schonung des Kabeljaus ins Leben gerufen, der sich jeder anschließen kann und sollte (www.kabeljau-schutz.de). Unser herzlicher Dank für diese Initiative!

Im Artikel wird andererseits ein weiteres Phänomen beschrieben, welches bislang von der Fischereiwissenschaft nur wenig betrachtet wurde. Dieses Phänomen ist der Zwergenwuchs der Dorsche und das frühe Erreichen der Fortpflanzungsfähigkeit. So waren vor 60 Jahren die gefangenen Kabeljaue im Mittel noch 95 cm groß, heute sind es durchschnittlich nur noch 65 cm. 1940 wurde der Kabeljau mit 10 Jahren geschlechtsreif, heute vermehrt er sich bereits in einem Alter von sechs Jahren.

Bekannt ist ein ähnliches Phänomen bei Friedfischen in Seen, deren Bestände verbutten, wenn sich viele Individuen die begrenzten Nahrungsreserven teilen müssen und die Gesamtbestandsmasse sich auf eine Vielzahl von Individuen verteilt. Zumeist hat hier der Mensch seine Hand im Spiel, indem er einerseits die Gewässer mit Nährstoffen überdüngt, was die Massenfischbestände begünstigt. Anderseits entnimmt der Mensch zielgerichtet die Prädatoren, sprich die Raubfische. Durch den nunmehr geringeren Fraßdruck schürt das die Nahrungskonkurrenz zwischen den Friedfischen - ein rein ökologischer Effekt für Zwergenwuchs. Kann dieses ökologische Phänomen auch für einen Top-Prädator wie den Kabeljau gelten?

Eher unwahrscheinlich, obgleich führende Fischereiwissenschaftler wie Carl Walters von der Universität in British Kolumbien (Kanada) vermuten, dass die großen Dorsche die Nahrungskonkurrenten ihrer Nachkommen wegfressen und somit ihre eigene Nachkommenschaft befördern. Wenn jedoch die großen Tiere fehlen, weil sie auf den Tellern unserer Konsumgesellschaft landen, konkurrieren die Jungdorsche mit anderen kleineren Fischarten. Dies erschwert die Erholung der Kabeljau-Bestände selbst nach Einstellung der Fischerei.

Eine zweite, nicht ökologische, sondern genetische Erklärung für die Kleinwüchsigkeit und das jüngere Fortpflanzungsalter ist jedoch viel wahrscheinlicher. Verschiedene wissenschaftliche Schulen haben nach möglichen genetischen Erklärungen des Phänomens der Kleinwüchsigkeit bei Kabeljauen gesucht. Diese reichen von der evolutionären Anpassung der Kabeljaue an die Fanggeräte (z.B. kleine Fische schlüpfen besser durch die Maschen) bis hin zu einer negativen Selektion durch den gezielten Fang der großen Fische (Laicher): Kleiner bleibende Kabeljaue, die eher als der Durchschnitt geschlechtsreif werden, haben bei starker Verringerung der großen Fische eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit. Sie vermehren sich häufiger und vererben ihre Eigenschaften auf die Nachkommen - die Dorschpopulation verändert somit ihren Genpool. Dies ist ein evolutionärer Eingriff durch den Menschen!

Für mich war bislang schwer zu glauben, dass der Mensch in wenigen Jahrzehnten evolutionär eingreifen kann. Auch ich hing dem Glauben an, dass Evolution über sehr lange Zeiträume geschieht. Doch weit gefehlt. Evolution kann rasant schnell vor sich gehen. Von verschiedenen Forschern wurden unabhängig voneinander, anhand verschiedener Fischarten, unterschiedliche Modelle vorgelegt, die belegen, dass wir durch die selektive Fischerei evolutionär auf Fischbestände einwirken können.

Besonders plausibel ist für mich die Theorie, dass wir durch die gezielte Entnahme der großen Individuen immer kleinere Fische "züchten", da sich jetzt zwangsläufig die kleinen Fische häufiger an der Reproduktion beteiligen. Heikel ist jedoch, dass das Fischwachstum von vielen Eigenschaften beeinflusst wird, welche gleichzeitig einer fischereilichen Selektion unterliegen können. Das macht die Vorhersage von evolutionären Effekten schwierig. Man kann es drehen und wenden wie man will. Übernutzung der großen Tiere kann zu Kleinwüchsigkeit und jüngeren Eintritt in die Geschlechtsreife führen.

Ein von Dr. Robert Arlinghaus in Zusammenarbeit mit einem der führenden Evolutionsforscher, Dr. Ulf Dieckmann vom Institut für Angewandte Systemanalyse in Laxenburg (Österreich), entwickeltes Modell belegt ähnliche Effekte bei anglerisch genutzten Hechten. Obgleich die Entnahme des großen Kabeljaus insbesondere durch die Großfischerei geschieht, muss ich an die vielen Bilder von Anglern denken, die sich im Winter mit den gefangenen, dicken Laichdorschen ablichten lassen. Üben nicht auch diese Angler eine Selektion in den Dorschbeständen aus???

Ich höre jetzt den Aufschrei " … ja die Fangflotte …, die Fischer, die entnehmen ja viel mehr, die sind die Verantwortlichen für die schlechten Kabeljaubestände …" Ist dem wirklich so? Sind wir vielen Angler nicht gleichfalls mit vielen tausend Tonnen Fischfang an der Veränderung der Fischbestände beteiligt!? Studien von Arlinghaus geben einen ziemlich sicheren Hinweis, dass dem zumindest in Binnengewässern so ist. Felicia Coleman und Mitarbeiter schrieben kürzlich in dem renommierten Fachblatt Science, dass nordamerikanische Angler bei einigen Meeresfischbeständen für mehr als 50 % der Gesamtanlandungen verantwortlich waren. Ich will hier keinem die Angelei vermiesen, denn ein jeder von uns freut sich über einen großen Fisch.

Aber müssen wir nicht gesamtgesellschaftlich das Fangen und Zurücksetzen großer Fische auch unter diesem Aspekt betrachten? Der Biologe Richard Law von der britischen University of York schlägt einen Kompromiss vor, welcher mir einleuchtet. Er empfiehlt, die Regeln der Fischereipolitik teilweise umzukehren und künftig einen Teil der großen und alten Laichfische zu schützen. Ich zitiere: "Ein Pool großer Fische wirkt wie ein Puffer, der die Folgen der starken Befischung durch industrielle Fangflotten abfedern kann." Hier bekommt die Ablehnung des Zurücksetzens gefangener maßiger Fische (oder auch die Ablehnung des freiwilligen "Catch und Release") durch einige Gesetzesausleger und Anglerfunktionäre eine ganz andere Bedeutung! Hier wird deutlich, dass das Zurücksetzen von großen Fischen für den Bestand und dessen genetisches Potential von essentieller Bedeutung ist! Im Übrigen produzieren gerade die "alten Damen" die besten Nachkommen.

Große Fische, das belegen eine Vielzahl von Untersuchungen, sind fitter! Sie produzieren lebensfähigere Nachkommen. Also sollte, im Gegensatz zum gängigen Leitspruch in der Berufsfischerei, wonach der große Hecht den schlechten Fischer anzeigt, in der Angelfischerei gelten: Je oller, desto doller. Dass die Fangflotten dies beherzigen können, halte ich für eine Illusion. Jedoch, sind wir Angler deshalb auch aus der Pflicht? Sollte nicht mancher Februar-Angler seinen Dickdorsch nach dem obligatorischen Foto wieder zum großen Gruppensex entlassen können, ohne Repressalien zu fürchten, rein der Vernunft und der Fischbestände wegen!? Ich meine, ein paar alte, verstaubte Zöpfe sollten dringend abgeschnitten werden …

Dr. Thomas Meinelt
Referent für Umwelt und Gewässer

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